Verteilungskämpfe um die Ressource Wasser

Tübinger Wissenschaftler erforschen in internationalem Projekt die Sozial- und Umweltgeschichte des asiatischen Flusses „Naryn-Syr Darya “ ‒ 450.000 Euro Förderung durch Volkswagen Stiftung

Tübinger Wissenschaftler haben für ein internationales Forschungsprojekt rund 450.000 Euro Förderung der Volkswagenstiftung eingeworben. Im Projekt „‘Social Life‘ of a River: environmental histories, social worlds and conflict resolution along the Naryn-Syr Darya” untersuchen Ethnologen, Politologen und Historiker aus Deutschland , Kirgisistan und Usbekistan die Sozial- und Umweltgeschichte des Flusses Syr Darya. Der mit rund 2200 Kilometern längste Fluss Zentralasiens (in Kirgisistan auch „Naryn“) fließt durch Kirgisistan, Kasachstan, Tadschikistan und Usbekistan und ist Zubringer des austrocknenden Aralsees. Er ist Wasserquelle für Millionen von Menschen, für Energieproduktion wie auch Landwirtschaft, aber auch Gegenstand von Konflikten: Vor allem seit Ende der Sowjetunion häufen sich Auseinandersetzungen der Anrainerstaaten zur Wassernutzung und -verteilung. Das Forschungsprojekt startete im September 2015 und läuft bis September 2018.

Das fünfköpfige Forschungsteam will die Sicht der Menschen auf den Fluss und dessen Einfluss auf das Zusammenleben untersuchen und so neue Perspektiven für das regionale Wassermanagement schaffen. Dafür werten die Wissenschaftler Archivmaterialien, Gespräche und Beobachtungen vor Ort aus. Sie wollen dokumentieren, wie der Naryn-Syr Darya wahrgenommen und von unterschiedlichen Akteuren genutzt wird und wie er das soziale und politische Leben an seinen Ufern beeinflusst.

Winterliches Fischen im Syr Darya in Kasachstan: Die Anwohner haben einen engen Bezug zum längsten Fluss Zentralasiens. Foto credit: William Wheeler

Winterliches Fischen im Syr Darya in Kasachstan: Die Anwohner haben einen engen Bezug zum längsten Fluss Zentralasiens. Foto credit: William Wheeler

Projektleiterin Dr. Jeanne Féaux de la Croix vom Asien-Orient-Institut der Universität Tübingen führt eine ethnologische Studie zu den Auswirkungen neuer Staudämme entlang des oberen Naryn in Kirgistan durch. Dr. Mokhira Suyarkulova von der internationalen University of Central Asia, ebenfalls Projektleiterin, erforscht, wie Wissen um den Fluss weltweit durch Wasserexperten an Universitäten, in staatlichen Behörden und internationalen Organisationen generiert wird und wie diese Diskurse den Umgang mit dem Syr Darya in der tadschikischen Region Khojand beeinflussen.

Kurp-Sai Staudamm am Naryn in Kirgisistan: für manche Besucher ein Motiv für Erinnerungsfotos Foto credit: Jeanne Féaux de la Croix

Kurp-Sai Staudamm am Naryn in Kirgisistan: für manche Besucher ein Motiv für Erinnerungsfotos
Foto credit: Jeanne Féaux de la Croix

Dr. Adham Ashirov vom Historischen Institut der Wissenschaftsakademie Taschkent  in Usbekistan untersucht die Beziehungen der ländlichen Bevölkerung im Ferghana Tal zum Syr Darya. Dabei interessieren ihn sowohl Praktiken der Flussnutzung als auch Folklore und Kunst in Bezug auf den Fluss. Die Doktorandin Gulzat Baialieva von der Geisteswissenschaftlichen Universität Bischkek (Kirgisistan) erfasst, wie Anwohner den sowjetischen Bau von Wasserkraftanlagen und Industriestädten und auch den Zerfall der wasserkraftabhängigen Industrie erlebten, sowie die heutige Rolle des Naryn-Flusses in Alltag und Wirtschaft. Doktorand Aibek Samakov aus Kirgisistan wird das kasachische Delta des Syr Darya Flusses untersuchen und herausarbeiten, wie die Bevölkerung mit einem Gewässer umgeht, das sich im Wechsel von Überflutung und Austrocknung ständig verändert ‒ auch durch energie- und landwirtschaftspolitische Entscheidungen.

Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler wollen die erste umfassende sozialwissenschaftliche Untersuchung zur Rolle des Naryn-Syr Darya in Zentralasien erstellen. „Wir hoffen, neue Perspektiven auf diesen geschichtsträchtigen Fluss zu eröffnen“, sagt Féaux de la Croix: „Weg von einer einseitigen rein ökonomischen Sicht als Wasserlieferant hin zu einem Kulturgut und Ort der Interaktion, der Menschen und Länder Zentralasiens geprägt hat.“ Anders als oft berichtet, habe Zentralasien eigentlich ausreichend Wasser, das Problem liege in der ungleichen Verteilung dieser Ressource. „Ein neuer Fokus eröffnet Möglichkeiten, neue Formen des Wassermanagements für die Region zu entwickeln.“

Die Ethnologin ist auch Mitgründerin der „Central Eurasian Scholars and Media Initiative (CESMI)“. In dieser haben sich Wissenschaftler zum Ziel gesetzt, gut recherchierte Informationen über Zentralasien für Öffentlichkeit und Medien zur Verfügung zu stellen – sowohl auf Englisch als auch in zentralasiatischen Sprachen. (https://cesmi.info/wp/)

Im aktuellen Forschungsprojekt suchen die Sozialwissenschaftler den Dialog mit der Wasserwirtschaft und den Naturwissenschaften in Zentralasien. Gemeinsam mit den Kooperationspartnern ‒ der University of Central Asia in Bischkek  sowie dem Historischen Institut der Uzbekischen Akademie der Wissenschaften ‒ wollen sie Forschung und Lehre zu politischer Ökologie, Umweltethnologie und -geschichte in der Region stärken. Geplant sind auch internationale Konferenzen, eine Multimedia-Webseite, eine Datenbank („Syr Darya Knowledge Hub”) sowie eine Wanderausstellung entlang des Flusses.

Projekthomepage:

https://www.uni-tuebingen.de/de/64592

*Source: Universität Tübingen

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