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29. Oct 2020

Lebendes Fossil untersucht

Wissenschaftler des Senckenberg Forschungsinstitutes in Frankfurt und des Senckenberg Center for Human Evolution and Palaeoenvironment (HEP) in Tübingen haben die Verwandtschaftsverhältnisse der Laotischen Felsenratte untersucht, einem sogenannten „lebenden Fossil“. Durch Methoden der vergleichenden Anatomie kommen sie zu dem Schluss, dass die kleinen Nager nah mit den heute in Nordafrika lebenden Gundis verwandt sind. Die Studie ist kürzlich im Fachjournal „Mammalian Biology“ erschienen.

„Felsenbewohnende, rätselhafte Maus“ – so lautet der wissenschaftliche Name der Laotischen Felsenratte Laonastes aenigmamus übersetzt. Und der Name ist Programm, denn rätselhaft ist der kleine, auch in freier Wildbahn fast handzahme Nager tatsächlich: „Das Tier wurde auf einem Markt in Laos entdeckt“, berichtet PD Dr. Irina Ruf, Sektionsleiterin der Mammalogie am Senckenberg Forschungsinstitut in Frankfurt und fügt hinzu: „Nach der wissenschaftlichen Erstbeschreibung 2005 wurde schnell klar, dass es sich hier um eine unbekannte Säugetierart handelt.“ 

Die Laotische Felsenratte ist ein rätselhafter Nager. Image credit: © David Redfield/WWF

Die Laotische Felsenratte ist ein rätselhafter Nager. Image credit: © David Redfield/WWF

Erste Beschreibungen ordneten das etwa eichhörnchengroße Tier mit dem dunklen, dichten Fell und langen Schwanz sogar einer neuen biologischen Familie zu. „Doch was erst wie eine wissenschaftliche Sensation klang – neue Familien sind bei Säugetieren extrem selten –, erwies sich dann doch als falsch“, erzählt Ruf. Heute ist bekannt, dass die Laotische Felsenratte zur Familie der Diatomyidae gehört, einer Nagergruppe, die eigentlich seit 11 Millionen Jahren als ausgestorben galt. Der Nager aus Laos ist damit ein klassisches Beispiel für den „Lazarus-Effekt“ – benannt nach dem Mann, der in der Bibel vom Tod ins Leben zurückgeholt wird. Biologen bezeichnen damit die seltenen Fälle, in denen eine als längst ausgestorben geltende Tierart plötzlich wiederentdeckt wird. Ein berühmtes Beispiel hierfür ist der Quastenflosser.

Nahe Verwandte der Laotischen Felsenratte: Die Gundis, aufgenommen im Zoo Frankfurt. Image credit: © Astrid Parys

Nahe Verwandte der Laotischen Felsenratte: Die Gundis, aufgenommen im Zoo Frankfurt. Image credit: © Astrid Parys

„Doch trotz der Einordnung in eine Familie waren die Verwandtschaftsverhältnis der Laotischen Felsenratte zu anderen heutigen Nagergruppen zunächst unklar – bezogen auf diese könnte man beinah von einer ‚Chaotischen Felsenratte‘ sprechen“, scherzt die Frankfurter Säugetierexpertin. Gemeinsam mit Kollegen des Senckenberg Center for Human Evolution and Palaeoenvironment (HEP), der Universität Tübingen und des Nationalmuseums in Paris konnte Ruf nun entscheidend zur Klärung der wissenschaftlichen Einordnung beitragen: Das Forscherteam bestätigt mit seiner aktuellen Studie die Vermutung, dass die Laotische Felsenratte in naher Verwandtschaft zu den heute in Nordafrika lebenden Gundis (Ctenodactylidae) steht.

Histologischer Schnitt durch das Mittelohr der Laotischen Felsenratte. Die Lage der Chorda tympani kann zur Überprüfung von Verwandschaften dienen. Image credit: © Senckenberg (Click image to enlarge)

Histologischer Schnitt durch das Mittelohr der Laotischen Felsenratte. Die Lage der Chorda tympani kann zur Überprüfung von Verwandschaften dienen. Image credit: © Senckenberg (Click image to enlarge)

„Wir konnten mit recht einfach Mitteln der klassischen vergleichenden Anatomie belegen, dass der als ‚Paukensaite‘ bezeichnete Nerv Chorda tympani im Mittelohr der Laotischen Felsenratte einen identischen Verlauf hat wie bei Vertretern aus der Familie der Gundis. Somit haben wir ein eindeutiges anatomisches Merkmal, dass deren Verwandtschaft unterstützt“, erläutert Ruf. Die Untersuchungen erfolgten an einer einzigartigen histologischen Schnittserie – mikrometerdünnen, eingefärbten Gewebeschnitten – von einem Fötus der Laotischen Felsenratte.

„Der Vergleich der Chorda tympani eignet sich auch zur Überprüfung von Verwandschaftshypothesen bei weiteren Nagetieren, aber auch bei Raubtieren, Primaten oder Unpaarhufern. Und wir benötigen dabei weder Genetik noch moderne bildgebende Verfahren“, fasst Ruf zusammen.

Publikation
Tröscher, A. et al. (2015) The epitensoric chorda tympani of Laonastes aenigmamus (Rodentia, Diatomyidae)
and its phylogenetic implications. Mammal. Biol. 80: 96-98, http://dx.doi.org/10.1016/j.mambio.2014.12.008

*Source: Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung

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