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05. Jun 2020

Stille Nacht, traurige Nacht – hast du Brot mitgebracht?

Das Zentrum für Populäre Kultur und Musik beherbergt Hunderte Parodien des Weihnachtsklassikers

„Stille Nacht, heilige Nacht“ eroberte die Welt rasant: 1818 in Salzburg/Österreich entstanden, wurde das Lied schnell in vielen Ländern gesungen, gehört, illustriert und gedruckt. „Im Laufe der Zeit kamen Parodien des Weihnachtsklassikers auf, die zeigen, wie beliebt das Lied war und wie unterschiedlich es interpretiert werden konnte“, sagt Dr. Dr. Michael Fischer, Leiter des Zentrums für Populäre Kultur und Musik (ZPKM). Die Forschungseinrichtung der Universität Freiburg beherbergt Hunderte von Varianten des Klassikers, die im Laufe von 100 Jahren gesammelt wurden – von sozialkritischen Parodien über kriegspropagandistische Umdeutungen bis zu humoristischen Verballhornungen.

Früh dichtete die Arbeiterbewegung das Lied um. Der sozialistische Vortragskünstler Boleslaw Strzelewicz beispielweise verfasste um 1900 die so genannte „Arbeiter-Stille-Nacht“, die mündlich tradiert, aber auch gedruckt und schon früh auf Schallplatte verbreitet wurde:

Stille Nacht, traurige Nacht,
hast Du Brot mitgebracht?
Fragen hungrige Kinderlein.
Seufzend spricht der Vater: Nein.
Bin noch arbeitslos!

Im Jahr 1903 artikulierten Streikende ihre Botschaft mit der folgenden kämpferischen Strophe: „Heilige Nacht – Heiß tobt die Schlacht, / Und es blitzt und kracht.“ Während die Christenheit „Friede auf Erde singe“, kämpften die Armen für Freiheit und Glück. Ähnliche Parodien – etwa aus einem Arbeiterliederbuch des Jahres 1920 – endeten mit einem Wunsch, der an christlich-sozialistische Utopien anschließt:

Traurige Nacht, endlose Nacht!
Menschenlieb, aufgewacht!
Glück und Freude sei allen bereit
In der schönen Weihnachtszeit.
Völker der Erde, erwacht!
Endet die traurige Nacht.

Zu Beginn des Ersten Weltkriegs stand das Lied im Zeichen der Mobilmachung und transportierte propagandistische Kampf- und Siegesfantasien:

Stille Nacht, heilige Nacht,
Deutschland ist mobil gemacht!
Frankreich liegt in grosser Not,
Russland schlagen wir mausetot,
England kommt noch dran,
England kommt noch dran!

Das Zentrum für Populäre Kultur und Musik beherbergt Hunderte von Varianten des Klassikers "Stille Nacht", die im Laufe von 100 Jahren gesammelt wurden. Foto cedit: Patrick Seeger

Das Zentrum für Populäre Kultur und Musik beherbergt Hunderte von Varianten des Klassikers “Stille Nacht”, die im Laufe von 100 Jahren gesammelt wurden. Foto cedit: Patrick Seeger

Zu den angenehmeren Aspekten von Popularität gehört die humoristische Verballhornung des Liedes. Am ZPKM finden sich amüsante Belege, etwa: „Stille Nacht, heilige Nacht, Bettche kracht. Dippche stinkt. Christkindche kimmt“ oder „Stille Nacht, heilge Nacht, Martin hat a Schwein geschlacht. Er hat och gute Wurscht gemacht“. Hübsch, allerdings ebenso wenig vornehm sei die Fassung aus der Schweiz, berichtet Fischer: „Stille Nacht, heilige Nacht, Bettlade chracht, Schysshafe lacht“.

Dass viele Aneignungen politischer Natur seien, verwundere nicht: „Das christliche Fest Weihnachten hat politische Dimensionen, etwa weil es die Themen Armut, Flucht und Vertreibung genauso in das Bewusstsein rückt wie eine universelle Friedenssehnsucht“, resümiert Fischer. Insofern sei die Frage „Stille Nacht, traurige Nacht, hast du Brot mitgebracht?“ durchaus eine christliche und weihnachtliche. Umgekehrt zeigen die Parodien aus der Zeit des Ersten Weltkriegs, dass die Popularität des Liedes genutzt wurde, um für Krieg und Gewaltherrschaft zu werben.

www.zpkm.uni-freiburg.de

*Source: Universität Freiburg

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