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22. Sep 2019

Bürger aus Fukushima-Region wegen mangelhafter Dekontaminierung in schrecklicher Zwickmühle

Seit dem 14. Oktober ist ein 16-köpfiges Spezialistenteam der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA in Japan, um sich ein Bild von den Dekontaminierungsmaßnahmen vor Ort in der Provinz Fukushima zu machen. Die japanische Regierung arbeitet derzeit mit Hochdruck daran, Gebiete zu reinigen: in schwarzen Säcken verpackt liegen aufgelesene Blätter, abgetragenes Erdreich und radioaktiv belastete Gegenstände überall am Straßenrand – eine Entsorgungsmöglichkeit gibt es bisher nicht.

Nun versucht die Regierung einen Normalzustand vorzugaukeln und die geflohenen Menschen zur Rückkehr in die Evakuierungsgebiete wie den Ort Tamura zu bewegen. Ein Greenpeace-Expertenteam war zwei Wochen zuvor in der Region unterwegs um die Strahlung zu messen und menschliche Schicksale vor Ort zu dokumentieren.

Die Bewohner von Tamura stehen vor einer furchtbaren Wahl: Sie können in ihre alte Heimat in der Nachbarschaft von Fukushima zurückziehen, wären dort aber einer zu hohen Strahlung ausgesetzt. Die Alternative besteht darin, ihren Besitz aufzugeben, ohne eine angemessene Entschädigung dafür zu erhalten. In dieses Dilemma sind sie durch den japanischen Staat geraten, denn er hat die Stadt noch nicht ausreichend dekontaminiert, wird sie aber demnächst zur Wiederbesiedlung freigeben.

Die Kleinstadt Tamura gehörte zu den Gebieten, die die japanische Regierung zu Beginn der Katastrophe von Fukushima aus Sicherheitsgründen evakuierte. Anschließend nahm der Staat dort massive Dekontaminierungsarbeiten vor. Neue Strahlenmessungen von Greenpeace-Experten zeigen allerdings, dass diese nicht ausreichen – die Strahlung liegt höher als 0,23 Mikrosievert pro Stunde. Auf das Jahr hochgerechnet wären das mehr als die 1 Millisievert, die international als Obergrenze für unbedenkliche Strahlung gelten. Ein Stadtteil Tamuras ist das erste Gebiet, für das die japanische Regierung eine Rückkehr evakuierter Bürger zulässt.

“Die Überprüfung durch Greenpeace zeigt, dass die Strahlung in Tamura immer noch zu hoch ist”, sagt Rianne Teule, Atomaktivistin und Strahlungsexpertin von Greenpeace International. “Beschließen die Menschen, zurückzuziehen, setzen sie sich einem dauerhaften Strahlungsproblem aus. Ziehen sie nicht zurück, werden sie keine Unterstützung durch den Staat erhalten. Das bringt die Menschen in eine schreckliche Zwickmühle.”

16 Greenpeace-Strahlungsexperten aus zehn Ländern hatten vom 1. bis zum 5. Oktober die Strahlungswerte in Tamura gemessen. Die Strahlung, die sie in diesem Gebiet auf Straßen, in Wäldern, in Häusern und deren Nachbarschaft maßen, waren höher als von der Regierung versprochen. Umfangreiche Messungen ergaben, dass bei 39 Prozent der 18 180 Messungen auf Straßen das staatliche Ziel von 0,23 Mikrosievert pro Stunde überschritten wurde.

In Tamura fand Greenpeace Menschen vor, die mühsam versuchten, sich eine Existenz aufzubauen. Jetzt laufen sie Gefahr, keine finanzielle Entschädigung zu erhalten, wenn die Regierung die Evakuierungsorder zurücknimmt. Wer in die Häuser zurückkehrt, die er vor zwei Jahren verlassen musste, lebt in einer teilweise dekontaminierten Umgebung, umgeben von Feldern und Wäldern mit anhaltender radioaktiver Bedrohung. Die zwangsweise Evakuierung hat zudem Familien und Gemeinden zerrissen. Gerade jüngere Menschen haben oftmals beschlossen, zum Schutz ihrer Kinder in Regionen zu bleiben, wo die Strahlung niedriger ist.

“Die Menschen haben nicht zu beziffernde Verluste durch die Atomkatastrophe erlitten aber die Regierung tut so, als sei in Tamura wieder alles normal”, sagte die Aktivistin Hisayo Takada von Greenpeace Japan. “Die Regierung muss den Menschen zuhören und sie stärker dabei unterstützen, sich wieder etwas aufzubauen – egal, ob sie zurück in ihre Häuser in kontaminierten Gebieten ziehen wollen, oder ob sie beschließen, anderswo einen Neuanfang zu wagen. Japan sollte den Schutz seiner Menschen zur Priorität machen anstatt die Gewinne der Atomindustrie zu schützen.”

– veröffentlicht von Beate Steffens

*Source: Greenpeace.de

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