Kasseler Studierende begleiten Menschen mit geistiger Behinderung in die Berufswelt

Schülerinnen und Schülern mit geistigen Behinderungen einen Einblick in den allgemeinen Arbeitsmarkt zu ermöglichen, ist das Ziel eines Projektes der Universität Kassel in Zusammenarbeit mit dem Kasseler Institut Lauterbad e.V.

Mario Schreiner (Foto credit-: privat)

Mario Schreiner (Foto credit-: privat)

Für Menschen mit geistiger Behinderung kann eine geregelte Erwerbstätigkeit eine wichtige Stütze sein, oft bringen sie ungeahnte Qualitäten mit in einen Job – doch der Einstieg in den allgemeinen Arbeitsmarkt ist schwer. Absolventen einer Förderschule mit dem Schwerpunkt geistige Entwicklung landeten meist in einer Werkstatt für behinderte Menschen, erklärt Mario Schreiner, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Fachgebiet Behinderung und Inklusion der Universität Kassel. Werkstätten für behinderte Menschen hätten ihren Sinn und Zweck, sagt Schreiner, aber es gehe darum „Wahlmöglichkeiten zu schaffen und Alternativen aufzuzeigen“. Hier setzt ein Projekt der Uni Kassel an, durch das Jugendliche und junge Erwachsene, die die Förderschule Lauterbad e.V. in Kassel besuchen, Einblicke in die Berufswelt erhalten und nach der Schulzeit bessere Aussichten auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt bekommen sollen. Sie werden dabei von Studierenden des Studienganges Soziale Arbeit auf Berufs-Praktika vorbereitet. Während der Praktika werden sie sowohl von Studierenden als auch von Lehrkräften der Förderschule betreut.

Das Besondere: Die Praxisphasen des Projektseminars werden maßgeblich von den Studierenden in Zusammenarbeit mit den Schülerinnen und Schülern selbst geplant und umgesetzt. „Sie bekommen Einblick in ein Feld der sozialen Arbeit und können sich in einem realen und innovativen Praxisfeld ausprobieren“, beschreibt Schreiner den Nutzen für seine Studentinnen und Studenten. Das Projektseminar bereitet die Studierenden hierzu auch theoretisch auf die Themen Wechsel von der Förderschule in den Beruf und Berufsorientierung bei Beeinträchtigung vor.    

Die Jugendlichen und jungen Erwachsenen des Instituts Lauterbad e.V. haben Förderbedarf im emotionalen, sozialen und geistigen Bereich. So besuchen zum Beispiel Menschen mit Autismus oder Down-Syndrom die heilpädagogische Einrichtung in Kassel. Judith Neitzel, Erzieherin am Institut Lauterbad e.V., sieht einen wichtigen Aspekt des gemeinsamen Projektes darin, dass ihre Schülerinnen und Schüler erfahren, dass sich jemand für ihre Berufswünsche interessiert. In dem „Blick von außen“ und der „Leichtigkeit, die Studenten mitbringen“ sieht Neitzel Potential, unvoreingenommen Neues auszuprobieren.

Nach dem ersten Kennenlernen betreuen zwei Studierende jeweils ganz individuell eine Schülerin oder einen Schüler der Förderschule auf dem Weg hin zum Praktikum. Sie sprechen über Berufswünsche, überlegen, welche Arbeitgeber in Frage kommen, knüpfen Kontakte und informieren potenzielle Arbeitgeber zu den Themen Inklusion und Teilhabe, erklärt Neitzel. Im Sommersemester werden die Studierenden die Schülerinnen und Schüler dann in ihren Praktika begleiten und die Erfahrungen gemeinsam aufarbeiten und vorstellen.

Die unterschiedlichen Phasen des Projekts werden von den Studierenden in einem Tagebuch festgehalten und die hemmenden und förderlichen Faktoren auf dem Weg zum Praktikum dokumentiert, erklärt Schreiner. „Es kann auch passieren, dass Praktika scheitern“, sagt Schreiner, doch die Schülerinnen und Schüler der Förderschule „sollen auch diese Erfahrung machen dürfen, die im Rahmen einer beruflichen Orientierung nun mal vorkommen kann.“

Berufswünsche, Fähigkeiten und Kompetenzen der angehenden Praktikantinnen und Praktikanten werden von den Lehrkräften des Instituts Lauterbad e.V. ermittelt. „Wir kennen die Schüler schon viele Jahre und können einschätzen, was realistisch ist“, sagt Neitzel. Auch wurden schon positive Erfahrungen mit Schülerinnen und Schülern im Praktikum gesammelt, etwa bei Praktika auf einem Reiterhof, im Supermarkt oder im Hotel. Es sei erstaunlich, welche Fähigkeiten dabei zu Tage treten würden, berichtet Neitzel. Generell sei es aber schwer, Praktikumsplätze zu finden, weil Menschen mit Vorurteilen behaftet seien. Das Projekt solle den „Blick öffnen, dass es diese Menschen gibt und dass sie Qualitäten mitbringen, die die Betriebe bereichern.“

Das gemeinsame Projekt stellt für die Universität Kassel und das Institut Lauterbad e.V. einen Erstversuch dar, von dem beide Seiten profitieren sollen. Ein langfristiges Ziel ist es, eine Finanzierungsgrundlage für das Projekt zu finden, damit auch in Zukunft sowohl Studierende aus dem Bereich Soziale Arbeit, als auch Schulabgängerinnen und Schulabgänger mit Behinderungen sich in der Arbeitswelt erproben können.

*Source: Universität Kassel

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