Wenn die Götter sterben ‒ Tradition als Motor für den Wandel in Indien

Tod und Wiedergeburt von vier Göttern bringen Strukturwandel in indischen Bundesstaat Odisha ‒ Ethnologen des Sonderforschungsbereichs 1070 RessourcenKulturen erforschen das Nabakalebara-Fest, das alle 19 Jahre stattfindet

Fünf Millionen Pilger werden in der Stadt Puri im Nordosten Indiens erwartet zum diesjährigen Wagenfest vom 18. bis 26. Juli, dem Höhepunkt der Nabakalebara-Traditionen. Nur alle 19 Jahre findet hier ein Ritual statt, das sich um Tod und Wiedergeburt vier indischer Götter rankt. Im Jahr 2015 wird das Fest von gigantischen Bauvorhaben begleitet und bestimmt sogar die Geschicke der Landespolitik. Ethnologen der Universität Tübingen verfolgen die Vorgänge und werden vor Ort sein. Im Sonderforschungsbereich (SFB) 1070 RessourcenKulturen untersuchen sie, mit welch hohem Aufwand Ressourcen für die Festlichkeiten eingesetzt werden und wie dies einen gesamten Bundesstaat strukturell verändert.

Priester am Neem-Baum, der zum Herzstück der Sudarshana-Statue wurde. Bild credit: Roland Hardenberg

Priester am Neem-Baum, der zum Herzstück der Sudarshana-Statue wurde. Bild credit: Roland Hardenberg

Anhänger des Gottes Jagannatha glauben, dass er und drei weitere Götter einmal im Jahr eine Krankheitsperiode durchleben, nachdem sie mit Wasser von Shitala Devi, Göttin der Pocken, gebadet wurden. Die Götter genesen wieder, und ihre Standbilder werden jedes Jahr beim Wagenfest Ratha Yatra öffentlich gezeigt. Doch immer wenn in der Sommerzeit ein zusätzlicher Monat im Mondkalender auftaucht, endet die Krankheit der Götter tödlich. Nach dem Tod müssen ihre stofflichen Körper – die Standbilder – vollständig erneuert werden, um eine Wiedergeburt zu ermöglichen. Diese Zeremonie des Nabakalebara (Sanskrit für „Neue Körper“) ist heute nicht länger nur eine Erneuerung der Götterstatuen, sondern dient als Impulsbringer für die Neuordnung der gesamten Infrastruktur der Region. Traditionen stehen dem Wandel nicht im Wege – im Gegenteil, sie erfordern Wandel.

Pilger bei heiligem Neem-Baum. Foto credit: Roland Hardenberg

Pilger bei heiligem Neem-Baum. Foto credit: Roland Hardenberg

Der Ethnologe Professor Roland Hardenberg von der Universität Tübingen erforscht schon seit vielen Jahren die Traditionen um den Gott Jagannatha. Im SFB RessourcenKulturen verfolgt er die Veränderungen, die Tod und Wiedergeburt der Götter mit sich bringen. Hardenberg und seine Doktorandinnen Lisa Züfle und Cora Gäbel untersuchen das massive Aufgebot an Ressourcen, das für die Festlichkeiten eingesetzt wird.

Zum ersten Mal seit 1996 ist es im Jahr 2015 wieder so weit: „Das Fest hat eine Neuerungswelle im gesamten Bundesstaat ausgelöst“, sagt Hardenberg. Gigantische Bauvorhaben und eine Modernisierung der Infrastruktur seien durchgeführt worden: Straßen wurden verbreitert, drei Autobahnüberführungen und ein neuer Busbahnhof gebaut, der Schienenverkehr erweitert – ein gewaltiges Unterfangen für einen finanzschwachen Staat. „Die Menschen wollen Indien und dem Rest der Welt zeigen, dass Odisha nicht länger eine rückständige Region ist. Ohne diese religiösen Feierlichkeiten hätte die Region nie einen solchen Sprung nach vorne gemacht“, sagt der Ethnologe. Der Ruf der Regierung hänge von einem erfolgreichen Wagenfest ab, die Opposition warte nur darauf, dass etwas schiefgehe. Aus Sorge vor Anschlägen werde der Luftverkehr über der Stadt während des Festes eingestellt. An der Küste patrouillierten Sicherheitskräfte. „Auch in Krankenhäuser, Kläranlagen und das öffentliche Gesundheitswesen wurde viel investiert. Der logistische Aufwand, den die Bewältigung der Pilgerströme erfordert, ist enorm.“

Der Wandel begann bereits im März, als mehr als hundert Priester des Jagannatha-Tempels auf die Suche nach den richtigen Neem-Bäumen gingen, aus denen die neuen Götterstatuen von Jagannatha, seiner Schwester Subhadra, seinem Bruder Balabhadra und ihrem Beschützer Sudarshana entstehen. Während der Suche mischten sich Politiker unter die Priester, um mit dem Großereignis in Verbindung gebracht zu werden. Polizei-Hundertschaften standen zum Schutz bereit, Straßenhändler verkauften Essen und Souvenirs an Massen von Pilgern. Unterkünfte und sanitäre Einrichtungen wurden aus dem Boden gestampft, Brunnen gegraben und Erste-Hilfe-Stationen aufgebaut. Zum Höhepunkt des Festes Mitte Juli – wenn die Götter nach der Erneuerung ihre Wagen besteigen – gibt es im Jagannatha-Tempel Speisen für Millionen von Anhängern.

Die Abbilder der Götter sind aus Neemholz, umhüllt von Seide und aromatischen Pasten, auf die bunte Gesichter und große Augen gemalt werden. Ihr Aussehen und die dazugehörigen Riten zeigen den Einfluss der Bergstämme aus dem Hinterland von Odisha. Fast das ganze Jahr über bleiben sie im Tempel und sind nur gläubigen Hindus zugänglich. Einmal im Jahr zum Wagenfest werden sie in drei riesigen Wagen für alle sichtbar zur Schau gestellt. Die heiligen Bäume für die Abbilder der Götter könnten nur Priester identifizieren, die Nachfahren der Bergstämme seien, sagt Hardenberg. Diese Tradition werde aber um moderne Technologien erweitert: So legten die Priester in diesem Jahr die Suche im Radius von 150 Kilometern im Jeep zurück. Per Whatsapp tauschten sie Schnappschüsse der Bäume aus und hielten Rücksprache. Die Arbeit an den Bäumen wurde mit einer Kamera-Drohne gefilmt und live im Fernsehen übertragen ‒ das Großereignis hatte auch in den digitalen Medien viele Zuschauer.

Die Überreste der alten Götter wurden am 16. Juni auf dem Tempelgelände zeremoniell begraben. Die gesamte Glaubensgemeinschaft freut sich darauf, die neuen Götter zum Wagenfest vom 18. bis 26. Juli zu sehen, da dies als besonders glückbringend gilt. „Die Wiedergeburt der Götter ist nicht nur symbolisch zu verstehen – es ist ein Neuerungsprozess, an dem die gesamte Gesellschaft beteiligt ist und der realen sozialen und politischen Wandel mit sich bringt“, sagt Hardenberg. „Jagannatha bedeutet übersetzt ‚Herrscher des Universums‘, und für seine Anhänger ist er die treibende Kraft hinter diesen Veränderungen.“

*Source: Universität Tübingen

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