Ein Schritt zur biologischen Kriegsführung mit Insekten?

US-Forschungsprogramm könnte leicht zur Entwicklung von biologischen Waffen missbraucht werden

Ein Forschungsprogramm des amerikanischen Verteidigungsministeriums weckt die Befürchtung, dass Forschung zur biologischen Kriegsführung missbraucht werden könnte. In dem Projekt namens Insect Allies („Alliierte/Verbündete Insekten“) sollen Insekten als Transportmittel für Pflanzenviren dienen und diese auf landwirtschaftliche Nutzpflanzen übertragen.

Die Viren können bereits auf den Feldern wachsende Pflanzen wie Mais oder Tomaten schnell und in großem Stil mittels so genannter Genomeditierung verändern. Prof. Dr. Silja Vöneky, Professur für Völkerrecht und Rechtsethik der Universität Freiburg, betont gemeinsam mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern des Max-Planck-Instituts für Evolutionsbiologie in Plön sowie der Universität Montpellier/Frankreich im Fachmagazin Science: Ein solches System kann relativ leicht manipuliert und als biologische Waffe eingesetzt werden.

Image credit: WikiImages (Source: Pixabay)

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Die Genomeditierung eröffnet umfassende Möglichkeiten, das Erbgut von Nutzpflanzen zu verändern. Pflanzen können auf diese Weise beispielsweise ertragreicher oder unempfindlicher gegen Schädlinge und Trockenheit werden. Solche Eingriffe ins Erbgut können bislang jedoch nur im Labor vorgenommen werden. Wachsen die Pflanzen auf dem Feld, ist es dafür zu spät. Ende 2016 hat die Defense Advanced Research Projects Agency (DARPA) – eine Behörde des US-Verteidigungsministeriums, die Forschungsprojekte für das Ministerium finanziert – ein auf vier Jahre angelegtes Forschungsprogramm öffentlich ausgeschrieben. Sie fördert darin Projekte mit dem Ziel, genetisch veränderte Viren freizusetzen, die das Erbgut von Nutzpflanzen im Freiland verändern können. Die beteiligten Wissenschaftler erforschen dabei, ob sie die Viren mithilfe von Grashüpfern, Blattläusen und – zu den Pflanzenläusen gehörenden – Weißen Fliegen auf Mais und Tomaten übertragen können. Laut DARPA sollen die Erkenntnisse vor allem der Landwirtschaft dienen, um Nutzpflanzen beispielsweise vor Dürre, Frost, Überschwemmung, Pestiziden oder Krankheiten zu schützen.

Den Wissenschaftlern aus Plön, Freiburg und Montpellier zufolge wäre eine gesellschaftliche, wissenschaftliche und rechtliche Debatte jedoch dringend angebracht. Die Forscherinnen und Forscher sehen vor allem den Einsatz von Insekten zur Verbreitung von Genmaterial kritisch, denn die Erkenntnisse aus dem Insect-Allies-Programm können relativ leicht abgewandelt und so für die biologische Kriegsführung angepasst werden. Gene können so beispielsweise funktionsuntüchtig gemacht werden, was in der Regel leichter ist als ihre Optimierung. Damit könnte bereits eine Vereinfachung des Programms genutzt werden, um Pflanzen zum Absterben zu bringen.

Dabei verbietet das das 1975 in Kraft getretene Übereinkommen über das Verbot biologischer Waffen den mehr als 180 Vertragsstaaten unter allen Umständen, die Entwicklung von Stoffen (Agenzien und Toxinen) von Arten und in Mengen, „die nicht durch […] friedliche Zwecke gerechtfertigt sind“ und von „Einsatzmitteln, die für die Verwendung solcher Agenzien oder Toxine für feindselige Zwecke oder in einem bewaffneten Konflikt bestimmt sind“. „„Die Konvention über das Verbot biologischer Waffen enthält ein weitreichendes Verbot, das eine Rechtfertigung besorgniserregender biologischer Forschung durch friedliche Zwecke fordert. Daher könnte das Insect-Allies-Programm der DARPA als Verstoß gegen diese Konvention angesehen werden, wenn die friedlichen Zwecke nicht plausibel sind – denn es handelt sich dabei um eine Technologie, die leicht zur biologischen Kriegsführung genutzt werden kann“, erklärt Vöneky. Die Autorinnen und Autoren befürchten zudem, dass das Programm andere Staaten dazu animieren könnte, eigene Forschungsaktivitäten auf diesem Gebiet zu verstärken.

Originalveröffentlichung:
R. G. Reeves, S. Voeneky, D. Caetano-Anolles, F. Beck, C. Boete (2018): Agricultural research, or a new bioweapon system? In: Science. DOI: 10.1126/science.aat7664

*Source: Albert-Ludwigs-Universität Freiburg

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