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Wege und Umwege

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Der Frage, ob ein ganzes Leben in einen Koffer passt, mussten sich unzählige Menschen vor ihrer Migration in ein neues fernes Land stellen. Erol Yildiz, Professor am Institut für Erziehungswissenschaft und seine Mitarbeiterin Miriam Hill haben länderübergreifend die Lebensstrategien von Migrationsfamilien untersucht.

Menschen finden oft auch unkonventionelle Wege, um ihr Leben zu bewältigen. Image credit: nuzree (Source: Pixabay.com)

Menschen finden oft auch unkonventionelle Wege, um ihr Leben zu bewältigen. Image credit: nuzree (Source: Pixabay.com)

Nach der oftmals schweren Entscheidung, das Heimatland zu verlassen, einer aufwändigen, auch gefährlichen und prägenden Reise oder sogar Flucht, kommen Menschen in ihrer erhofften neuen Heimat an. Doch noch lange sind nicht alle Hürden überwunden und eine Zukunft gesichert. Erol Yildiz und Miriam Hill haben gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen Migrationsfamilien in Städten in Österreich, Deutschland und der Schweiz besucht und mit ihnen über ihre Erfahrungen in Bezug auf Erwerbsarbeit und Bildung gesprochen. „Migrationsfamilien in marginalisierten Stadtteilen leben vielfach unter erschwerten Bedingungen. Die Familien entwickeln vor diesem Hintergrund die unterschiedlichsten Strategien, um ihr Leben zu bewältigen“, erläutert Erol Yildiz, der zudem betont, dass vor allem die rechtlichen oder von der Behörde vorgegebenen Rahmenbedingungen zusätzliche Erschwernisse für ihr Leben darstellen. Miriam Hill verdeutlicht: „Natürlich ist uns bewusst, dass auch einheimische und in den selben Stadtteilen lebende Familien große Herausforderungen meistern müssen. Im Rahmen unserer Studie haben wir uns auf Migrationsfamilien fokussiert, um ihre Lebensstrategien in Bezug auf Familie, Migration und Marginalisierung im internationalen Kontext zu beleuchten.“ Diese Untersuchung fokussierte sowohl auf sozialräumliche Faktoren der Alltagsbewältigung als auch verschiedene Formen von Diskriminierung, auch im Hinblick auf den Lebensort und auf die marginalisierte Situation von Einzelpersonen und Familien.

Unkonventionell

Miriam Hill hat gemeinsam mit einem mehrsprachigen Team Menschen in marginalisierten Stadtteilen in Klagenfurt befragt: „Ihre Migrationsgeschichte, ihre Perspektiven in Österreich sowie ihre Bildungsvorstellungen standen im Mittelpunkt der Gespräche. Dabei war uns wichtig, dass die Elterngeneration gemeinsam mit der Kindergeneration diese Themen in der Familie diskutiert. Besonders hat mich gefreut, dass die Familien meist sehr offen mit uns gesprochen haben.“ Erol Yildiz verdeutlicht die Intention der Studie, in der die Wege und Umwege, die die Familien finden müssen, aufgezeigt werden sollen. Ein Beispiel sind die in den 1970er Jahren gegründeten griechischen Privatschulen, die noch heute aus Griechenland finanziert werden: „Wir finden häufig unkonventionelle Lösungen, mit denen die Familien versuchen, ihr Leben in der neuen Heimat zu meistern wie etwa transnationale Strategien, um den Kindern auch über Umwege zum Bildungserfolg zu führen.“ Diese Schulen sollten zunächst die Pflege griechischer Kultur und Sprache unterstützen, wurden später aber dazu genützt, um den Kindern auch jenseits des deutschen Schulsystems Bildungskarrieren zu ermöglichen. „Bei diesen Schülerinnen und Schülern handelt es sich vorwiegend um Kinder und Jugendliche, die sich im hochselektiven deutschen Bildungswesen diskriminiert fühlten und sich auf der griechischen Privatschule bessere Chancen versprachen, die sie mehrheitlich – wie die Zahlen belegen – mit Abitur abschließen. Dieser nur in Griechenland anerkannte Abschluss berechtigt sie zum dortigen Studium. Der Nachweis des Studienplatzes in Griechenland eröffnet ihnen, ohne weitere Auflagen, ein Studium in Deutschland“, erläutert Yildiz, der anhand dieses Beispiels zeigt, wie griechische Familien und deren Nachkommen transnationale Strategien und Karrieren organisieren, die in der deutschen Bildungsforschung kaum zur Kenntnis genommen werden.

Kofferkinder

Aktuelle Migrationsforschung hat gezeigt, dass Migration selten ein Einzel- als vielmehr ein Familienprojekt ist, das sich unmittelbar auf das familiäre Gefüge auswirkt“, erklärt Miriam Hill, die sich vertieft mit dem Thema der „Kofferkinder“ auseinandersetzt. Als Beispiel nennt die Wissenschaftlerin Fälle, in denen der Vater lange vor der Mutter oder den Kindern in das Zielland gekommen ist und erst spät der Familiennachzug möglich war. „Eine Mutter erzählte, wie sie ihre drei noch minderjährigen Töchter im Herkunftsland bei den Großeltern zurücklassen musste, da die Lebenssituation in Österreich noch nicht geklärt war“, so Hill. Erst nach Erfüllung der behördlichen Vorgaben, wie einem nachweisbaren Einkommen und einer ausreichend großen Wohnung, dürfen Frauen und Kinder nachreisen. Diese zeitliche Trennung ist Teil der Migration. „Die Großeltern oder andere Verwandte werden als ‚Ressourcen’ verwendet, mit deren Hilfe eine Migration gelingen kann. Wir nennen das ein transnationales Sozialkapital, auf das die Familien zurückgreifen können“, vertieft Yildiz. Die mit dem häufig sehr negativ konnotierten Begriff der „Kofferkinder“ sei für viele Familien eine notwendige Lebensstrategie, um ein neues Leben aufbauen zu können. Dass dieses Vorgehen, die zeitliche Trennung und die damit verbundenen dramatischen Erlebnisse keine leichtfertige Entscheidung ist, wurde laut Hill in einigen der im Zuge der Studie geführten Gespräche deutlich. Die Familienentscheidung zur Migration, das Zurücklassen von Familie und Freunden sowie der erhoffte Neustart erfordert von den Menschen die Entwicklung von neuen Lebensstrategien, um die Herausforderungen im neuen Heimatland bestmöglich bewältigen zu können. „Gerade jetzt erleben wir wieder den Zuzug von vielen neuen Familien. Unsere Studien sind auch deswegen wichtig, weil man so Einblicke in die Erfahrungen von Personen und Familien bekommt. Wir sind in der Geschichte ja nicht zum ersten Mal mit Migration konfrontiert – eigentlich war das immer schon Teil unserer Gesellschaft“, schließt Erol Yildiz, Professor.

*Source: Universität Innsbruck

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