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20. Sep 2019

Im Raucherparadies China beginnt ein Umdenken

Was für Europäer oder Amerikaner selbstverständlich ist, können Chinesinnen und Chinesen kaum verstehen: Rauchfreie Zonen.

Das grösste Raucherparadies östlich von Österreich ist ohne Zweifel die Volksrepublik China, neben Brasilien die süchtigste Rauchernation der Welt. Die Tabakindustrie sieht die wachsenden Umsatzzahlen im Reich der Mitte – klammheimlich, versteht sich – mit Wohlgefallen. Nach amtlichen Angaben wurden im letzten Jahrzehnt in China fast fünfzig Prozent mehr Zigaretten produziert. Weniger erfreut, ja entsetzt, sind die Gesundheitsbehörden, denn Chinesinnen und Chinesen bezahlen einen hohen Preis.

350 Millionen hochaktive Raucher

Statistiken der Nationalen Chinesischen Gesundheits- und Familienplanungs-Kommission zeigen, dass jährlich rund 1,4 Millionen Menschen an einer Krankheit sterben, bei der Rauchen eine entscheidende Rolle spielt. Rund 350 Millionen Chinesen rauchen, 53 Prozent der Männer und 32 Prozent der Frauen. Die offizielle Statistik weist überdies 740 Millionen Chinesinnen und Chinesen als Passivraucher aus. In der Tat, überall landauf und landab wird geraucht, dass es seine Art hat. Es gehört zum pfleglichen sozialen Umgang, bei jeder möglichen und unmöglichen Gelegenheit Zigaretten anzubieten. Vor über zehn Jahren bot mit gar einmal ein Arzt in der Sprechstunde rauchend eine Zigarette an. Auf die erstaunte Frage, warum denn und ausgerechnet er als Arzt, erwiderte er gelassen: «Hier im Smog von Peking spielt es keine Rolle, ob man raucht oder nicht – die Lunge wird schwarz, mit oder ohne Zigarette.»

Zehn Jahre später ist die Luft der chinesischen Grossstädte noch schmutziger und mit noch mehr Feinstaub PM 2,5 und andern schädlichen Ingredienzen angereichert. Gleichzeitig gibt es mehr Raucherinnen und Raucher als je zuvor. Seit Jahr und Tag versprechen Lokal-, Provinz- und Zentralbehörden, etwas gegen den Smog zu tun. Und tun es auch. Ohne viel Erfolg. Seit Jahr und Tag versprechen die Lokal-, Provinz- und Zentralen Gesundheitsbehörden, den Kampf gegen das Rauchen – in den Medien auch als «stiller Killer» apostrophiert – zum Wohl der «Massen» zu intensivieren. Ohne viel Erfolg. Erstaunlich, denn die Anti-Raucher-Kampagnen reichen weit zurück.

Image credit: Jonathan Kos-Read. Image source: Flickr

Image credit: Jonathan Kos-Read. Image source: Flickr

Der revolutionäre Vorraucher der Nation

Schon vor 25 Jahren wurde mit dem prominentesten Raucher der Nation der Kampf gegen den blauen Nikotin-Dunst eröffnet. Der grosse Revolutionär und Reformer Deng Xiaoping wurde mit einer Photo, genüsslich an einer Panda-Zigarette ziehend, in der Volkszeitung «Renmin Ribao», dem Sprachrohr der allmächtigen Kommunistischen Partei, für einmal tadelnd an den Pranger gestellt. Seine Frau, so wurde kommentiert, habe ihn veranlasst, das Rauchen nun doch endlich aufzugeben. Das war buchstäblich starker Tobak. Die alten Revolutionäre rauchten ja alle, wie jeder Chinese und jede Chinesin wohl weiss. Der «Grosse Steuermann» Mao war selten ohne Zigarette zu sehen. Aber eben, vor 25 Jahre ging es um die Volksgesundheit. Und wenn, so mögen sich die Propaganda-Verantwortlichen gesagt haben, ein revolutionärer Kettenraucher mit dem guten Beispiel vorangeht, werden viele folgen. Deng war damals schon weit über achtzig Jahre alt.

Allein, die meisten verweigerten dem revolutionären Vorraucher die Gefolgschaft. Ob auch Deng wirklich das Rauchen seiner sündhaft teuren Panda-Zigaretten aufgegeben hat, das wissen nur Karl Marx und Friedrich Engels, denn das Privatleben der obersten Chinesischen Führung war und ist noch immer tabu und ein streng gehütetes Staatsgeheimnis.

Die «rauchfreien» Spiele

In den letzten zehn Jahren wurden in vielen Städten Rauchverbote in öffentlichen Gebäuden, am Arbeitsplatz sowie in Restaurants, Hotels, Kinos und Bars erlassen. In Peking fanden 2008 die «rauchfreien» Olympischen Spiele statt. In 382 Strassen war es damals verboten, sich einen Glimmstengel anzuzünden. Um es kurz zu machen: weder in Peking noch anderswo wurden die gutgemeinten, strengen Rauchverbote wirklich umgesetzt. In vielen Restaurants wird auch heute noch hemmungslos geraucht. Vor dem Essen, während dem Essen, nach dem Essen. Es fehlt, wie die Gesundheitsbehörden klagen, am Problembewusstsein und an der Durchsetzung der Verbote. Selbst in Shanghai, wo man es offenbar bitter ernst meint. Freiwillige, meist Pensionierte, wurden ab Januar dieses Jahres in der Finanz- und Wirtschaftsmetropole quasi als Rauch-Polizisten losgeschickt. In den ersten neun Monaten ihres Einsatzes stellten sie gerade einmal 156 Übertretungen fest. Gebüsst wurden dann 64 Betriebe. Wer weiss, vielleicht wurden sie da und dort mit Zigaretten, den kostbaren Pandas am liebsten, oder gar mit sozialistischen Zigarren aus Kuba bestochen.

Bald fertig lustig?

Tabak-Werbung ist zwar am Fernsehen, Radio und in Zeitungen und Zeitschriften verboten. Die Zigaretten-Produzenten sind, wie es das digitale Zeitalter gebietet, einfach kreativ auf online ausgewichen. Mit nachhaltigem Erfolg. Sponsoring, offen oder verdeckt, läuft laut chinesischen Werbern auch nicht schlecht. Was überdies alle feststellen können, die Filme oder Fernseh-Serien lieben: In chinesischen Produktionen rauchen auch die Guten noch immer, im Unterschied zu westlichen Produktionen, wo nur die Bösen und Fiesen sich erfrechen, sich gegen den Mainstream zu stemmen, sich eine anzuzünden und dann noch – Gipfel der Unverschämtheit – mit hohem Genuss inhalieren.

Bald aber ist fertig lustig. China hat nämlich vor zehn Jahren die Rahmen-Konvention zur Tabak-Kontrolle der WHO unterzeichnet. Nach einer von der WHO durchgeführten Studie hat China unter den 168 Signatar-Staaten extrem schlecht abgeschnitten und rangiert unter den letzten Zehn. Das soll sich bald ändern. Ein flächendeckendes Rauchverbot im öffentlichen Raum des Reichs der Mitte wird vorbereitet.

Immerhin, auch auf chinesischen Zigaretten-Päckchen steht relativ diskret geschrieben, dass Rauchen der Gesundheit abträglich ist. Ganz im Gegensatz zum wohl gesunden, hochgradigen sozialistisch-chinesischen Weissen Schnaps oder den noch gesünderen kapitalistisch-amerikanischen Doppel- und Dreifach-Burgern mit oder ohne Schmelzkäse dafür aber mit umso mehr Fries. Und nicht zu vergessen: Wie anderswo werden Zigaretten happig besteuert. Wie anderswo. Der Volksgesundheit wegen, versteht sich.

PS: Der Autor war einst bekennender Raucher. Vor 12 Jahren hat er von einem Tag auf den andern im dichten Pekinger Smog aufgehört. Feinstaub ist auch nicht schlecht. Den Tabak- Rauchern und Raucherinnen begegnet er gleichwohl mit grosser Toleranz.

– By Peter G. Achten

*Source: Infosperber

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine. Peter G. Achten ist seit Jahrzehnten in China als Journalist tätig.

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